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Der
Presseartikel
Die Unverzagten
e. V.
Zu
Zeiten des Börsen-Booms schossen Investment-Clubs wie Pilze
aus der Erde.
Was ist aus ihnen geworden? Eine Momentaufnahme.
von Julia Groß
Früher
gab es Tage, da war Rainer Wich das Wetter egal. "Ob die Sonne
schien, ob' s regnete, das hat mich nicht interessiert. Für
mich gab es nur gute oder schlechte Börsentage", erinnert
sich der 36-jährige angehende Berufsschullehrer.
Früher
- das war Ende der 90er. Schlechte Tage waren solche, an denen seine
Aktien nur wenige Prozent Plus schafften. An guten Tagen schossen
die Kurse 20, 30 oder 50 Prozent in die Höhe. Es herrschte
Goldgräberstimmung. "Da wollten alle Millionäre werden",
so Konstrukteur Thomas Linz. Mit Schröcher und Wich gründete
er im April 2000 den Münchner Rato-Wertpapier
Club. Die Anfangssilben der Vornamen der Gründerväter
gaben dem Club seinen Namen. Neun weitere Freunde, Bekannte und
Verwandte, traten dem Verein im Frühjahr 2000 bei.
"Im Nachhinein ein unglücklicher Zeitpunkt", gibt
Rainer Wich zu. Denn ins Rato-Depot kamen vom ersten Tag an hauptsächlich
TechnoWerte aus Nasdaq und Neuem Markt. Und die hatten, wie man
heute weiß, gerade ihren Zenit überschritten.
Etwa
6700 Investment-Clubs gibt es in Deutschland, schätzt die Deutsche
Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW). Wie viele davon
noch aktiv sind, weiß niemand. Die DSW betreut 700 Clubs,
gibt ihnen Leitfäden an die Hand, unterstützt sie bei
rechtlichen Fragen, vor allem bei der Gründung. Allerdings
- das Interesse an Neugründungen ist mit der Börsenbaisse
deutlich gesunken. "Doll ist das nicht", bestätigt
Sabine Richter von der DSW. "Aber die Anfragen sind auch nicht
total eingebrochen."
Aufgeben
will der Rato-Wertpapierclub auf keinen Fall. Zweimal im Monat ist
Stammtisch in einer mexikanischen Kneipe in München-Haidhausen.
Da einigen sich die Mitglieder auf eine grobe Strategie. Und pflegen
gegebenenfalls gemeinsam den Katzenjammer, wenn die Spekulation
mal wieder nicht aufgegangen ist.
"Klar hat jeder mal seinen Tiefpunkt, wo er sagt: komm, lass
mich bloß in Ruhe mit dem Quatsch", sagt Thomas Linz.
"Das Gute ist, dass wir diesen negativen Punkt noch nie zur
selben Zeit erreicht haben. So können wir uns immer gegenseitig
motivieren." Als Einzelkämpfer in der derzeitigen Börsenlage,
das stellt sich Linz wesentlich schwieriger vor: "Es ist echt
wichtig, dass man nicht allein ist und sich aussprechen kann."
Dann wird schon mal eine Runde Tequila bestellt - und Schwamm drüber.
Ihrer
Strategie sind die Rato-Männer trotz allem treu geblieben:
Internet, Technologie, Biotech, spekulative Werte, mit denen sie
zurzeit recht aktiv, sprich im Tage- oder Wochenbereich, handeln.
Aber es sei viel schwieriger geworden, kaufenswerte Aktien zu finden,
als vor zwei Jahren. "Damals konnte man schließlich kaum
was falsch machen", ist Linz überzeugt. Zum Beispiel Comroad:
Der Telematik-Spezialist vom Neuen Markt war einst die beste Aktie
im Club-Portfolio. Wich besuchte sogar die Hauptversammlung im Münchner
Luxushotel Vier Jahreszeiten: "Ein Wahnsinns-Büfett gab
es da."
Als
sich später - die Aktien waren zum Glück schon längst
verkauft - herausstellte, dass der Umsatz von Comroad zum allergrößten
Teil nur auf dem Papier bestand, waren die Münchner fassungslos.
Rainer Wich greift sich an den Kopf: "Das ist doch einfach
absolut unglaublich!"
Heute überlegen die Clubmitglieder länger und gründlicher,
wo sie investieren. Rainer Wich gibt letztendlich die Orders ab
- oft mit einem mumigen Gefühl im Magen: "Ich bin da viel
gehemmter als früher. Dann verkaufe ich auch sehr schnell wieder,
weil ich halt so ein Sicherheitsdenken entwickelt habe. Wir wollen
keine weiteren Verluste machen."
Das Rato-Vermögen beträgt zur Zeit noch knapp 50000 Euro.
Angefangen haben die Münchner bei einem DAX-Stand von 7300.
Und wie der Index haben sie bis heute über 50 Prozent verloren:
"Das ist insgesamt nicht zufriedenstellend", gibt Wich
mit einem Lächeln zu. Sein Vereinskamerad Linz sieht das Ganze
durchaus mit Galgenhumor: "Der Mensch ist für den Aktienhandel
einfach denkbar ungeeignet."
Das sehen die Mitglieder
eines der ältesten deutschen Aktien-Clubs anders. Und ans Aufgeben
denkt im elfköpfigen Nürnberger Investment-Club Moneymaker
deshalb niemand. ,,Wir sind seit 20 Jahren dabei, haben auch die
Crashs 1987 und 1989 mitgemacht, das kennen andere gar nicht",
sagt der Steuerberater Michael Hacker. Das Team besteht ausschließlich
aus Männern zwischen Ende 30 und Ende 60. Zurzeit zahlt ein
Mitglied lediglich 25 Euro im Monat in die Kasse ein. "Spielgeld",
so Hacker. "Wir treffen uns zum Gedankenaustausch, jeder hat
parallel auch sein privates Depot. Mit dem Club gehen wir eben in
Titel, die man privat nicht kaufen würde."
Der Anlage-Schwerpunkt liegt sprechend auf spekulativen Werten.
Die suchen die Franken allerdings eher selten am Neuen Markt. "Risikoreiche
Akten gab es schließlich schon immer, vielleicht erinnern
Sie sich noch an PanAm, die Fluglinie?" Zurzeit halten sich
Hacker und seine Mitstreiter dank der südafrikanischen Minen-Aktie
Goldfields auf dem Niveau vom Jahresanfang. "Aber das zweite
Halbjahr 2001 war sehr schlecht."
Hacker
hat von Clubs im Nürnberger Raum gehört, die jetzt nach
zwei, drei Jahren die Segel gestrichen haben. Die Moneymaker stärken
dagegen gerade in düsteren Börsenzeiten das Gemeinschaftsgefühl.
Sie gehen manchmal zusammen wandern oder veranstalten Grillfeste.
Hacker: "Wir stehen hinter der gemeinsamen Sache. Wir kennen
uns eben schon sehr lange."
Beim ZEB München ist dagegen die Luft raus. "Wir treffen
uns nur noch alle paar Monate", räumt Daniel Krebs ein.
Die zwölf Mitglieder legen mittlerweile nur noch in Fonds an
oder beteiligen sich direkt an Unternehmen aus dem Bekanntenkreis.
"Die Vollmacht liegt beim Geschäftsführer, er entscheidet
für uns."
Ähnlich
passiv verhält sich derzeit auch die große Mehrheit der
knapp 2600 Mitglieder des Münchner Wertpapier-Clubs (MIC).
"Wir bemühen uns, trotzdem ein Clubleben aufrechtzuerhalten",
betont Geschäftsführer Andreas Grünewald. Regelmäßige
Informationsveranstaltungen, Monatsberichte, Telefonhotline und
persönliche Erreichbarkeit sind für Grunewald selbstverständlich.
Derzeit hat das Depot des Vereins einen Wert von knapp 30 Millionen
Euro. In der Performance schlagen sich die Münchner mit knapp
zehn Prozent Minus im ersten Halbjahr vergleichsweise gut. Im Zehn-JahresDutchschnitt
erzielte der MIC acht Prozent Rendite. Dennoch haben sich im Juni
und Juli 40 Gesellschafter auszahlen lassen. Auch die Summe der
Einzahlungen ist momentan deutlich geringer als noch vor ein, zwei
Jahren. "So ein großer Club, das wäre nichts für
mich", resumiert Rato-Mitglied Thomas Linz. "Da kann ich
ja nichts bewegen." Bei seinem Verein steht der persönliche
Kontakt eben ganz oben auf der Prioritätenliste, er ist aber
auch offen für neue Mitglieder "Wir wollen gerne neue
Leute, die mitreden und frische Gedanken bringen", sagt Linz.
Denn schließlich soll es weitergehen: "Ich vergleiche
die Situation an der Börse immer mit einer Stange, wo mal 100
Spatzen draufsaßen, erklärt Rainer Wich. "90 sind
tot. Von den zehn letzten werden auch noch fünf abgeschossen.
Aber zu den letzten fünf wollen wir Gehören!" Die
Kollegen Schröcker und Linz nicken zustimmend. Wich gekräftigt:
"Und ich krall mich mit Händen und Füßen an
der Stange fest."
Gemeinsam
investieren
Das Risiko auf viele Schultern verteilen, dank des höheren
Anlagebetrags über ein gut gestreutes Depot verfügen -
die Idee eines Investment-Clubs überzeugt. Allerdings sollte
man den Verwaltungsaufwand nicht unterschätzen. Zu einem Club
gehört weit mehr als nur Aktien kaufen und verkaufen.
Die meisten Clubs werden als Gesellschaft bürgerlichen Rechts
(GbR) geführt, die einzelnen Mitglieder sind Gesellschafter.
Es gibt zahlreiche rechtliche Stolpersteine: Zum Beispiel war es
bis vor kurzem nicht erlaubt, das Wort "Invest" im Namen
zu führen. Viele Clubs wissen auch nicht, dass alle Mitglieder
als Depotinhaber eingetragen werden müssen. Und: Die Steuererklärung
ist eine wahre Sisyphus-Arbeit. Wer davor nicht zurückschreckt,
kann sich von der DSW (www.dswinfo.de), der Schutzgemeinschaft für
Kleinaktionäre (www.sdk.org) und dem Münchner Wertpapier-Club
(www.mic-online.de) beraten lassen.
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